Früher mehr starke Tornados?

Aktuell ist das Thema Klimawandel etwas in den Hintergrund getreten. Dies wird sich aber bald wieder ändern und dann kommen auch erneut Fragen auf wie „Werden die lokalen Unwetter häufiger und stärker?“ Oft ist die Rede davon, dass es durch den Klimawandel mehr starke Tornados geben könnte, die viele Tote fordern und große Schäden anrichten könnten. Dabei gab es vor mehr als 100 Jahren schon mal eine Phase mit zahlreichen, zum Teil auch verheerenden Tornados in Deutschland – möglicherweise sogar mehr als heute.




Erst vor wenigen Monaten ist ein weiterer starker Tornado aus der Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts bekannt geworden. Am 10. August 1890 verwüstete ein Tornado mehrere Orte in der Nähe von Mönchengladbach (NRW). Beschreibungen der Schäden im Archiv der Gladbecker Volkszeitung lassen auf ein sehr starkes Ereignis schließen. Aus einer Meldung der Zeitung vom 12.08.1890: „Auf dem Hopbroich sind über 30 Weidenbäume entwurzelt und umhergeschleudert. Am Bahner und Biesel bei Giesenkirchen liegen ca. 200 schwere Bäume wild durch- und übereinander; auch sind mehrere Gebäude beschädigt. Seit Menschengedenken ist solches hier nicht vorgekommen. […] Die meisten Gebäulichkeiten sind ruinirt und verdorben, Thüren und Fensterrahmen zersplittert resp. zerstückelt. Fast sämtliche Obstbäume sind vernichtet. Kleinere Gebäude wurden von ihrer bisherigen Stelle weggerückt. Große Balken sind zersplittert und liegen zerstreut umher. Bohnen sind mit den Stangen umgeworfen, Zuckerrüben und Rappus aus der Erde gerissen und die Frucht, meistens Weizengarben, im Felde wild durcheinander verstreut. Ein dicker Kirschbaum war über der Erde abgebrochen und über eine Minute weit bis auf den Kommunalweg geschleudert. “ (Quelle: Zeitungsportal NRW)

Die Beschreibung in der Zeitungsmeldung lässt auf einen starken bis sehr starken Tornado schließen. Verfrachtung ganzer Bäume tritt erst bei sehr hohen Windgeschwindigkeiten auf. Das gleiche gilt auch beim Verschieben von ganzen Gebäuden. Man kann in diesem Fall mindestens die Stärke F3 (ab ca. 255 km/h) ansetzen, möglicherweise auch mehr.

Denkmal für die Folgen des F4-Tornados in Auen-Holthaus am 01.06.1927

In Auen und Holthaus bei Lindern (Niedersachsen) sowie in Vrees tobte dieser verheerende Tornado. Mindestens 10 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Es könnte sich hier auch um zwei starke Tornados handeln. Dazu aus einer Meldung der Coburger Zeitung vom 03.06.1927: „Häusereinsturz in Oldenburg. Nach einer Meldung aus Oldenburg wurden die Bauernschaften Auen und Holthaus bei Lindern von einer Windhose schwer heimgesucht. Die 27 Häuser von Auen wurden vollständig niedergelegt, dabei wurden acht Personen erheblich verletzt. In Holthaus wurden sieben Häuser und in Lindern ein Haus vernichtet, zwei Personen wurden verletzt. Die Chausseebäume wurden von dem Sturm teilweise niedergelegt, teilweise von ihrer Borke vollständig entschält.“

In Auen und in Holthaus wurde nach dem Ereignis jeweils ein Denkmal errichtet. Das Denkmal im heutigen Ortsteil Auen besteht aus großen Findlingen und einer kleinen Anlage, die von Bäumen und insgesamt 27 Findlingen – jeder für eine betroffene Familie mit einem zerstörten Haus – gesäumt ist. In Holthaus erinnert ein Kreuz an den Tornado, links und rechts laden jeweils Bänke zum Verweilen und Gedenken ein.

Diese Aufzählung sehr starker Tornados Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts könnte man noch lange fortsetzen. Dutzende starke Tornados richteten in der Zeit vor 90 bis 140 Jahren enorme Schäden an, zahlreiche Menschen wurden dabei getötet oder verletzt. Dabei könnte man eigentlich vermuten, dass starke Tornados erst heute mit der Klimaerwärmung deutlich häufiger auftreten. Dies ist aber nicht der Fall.

Betrachtet man die bestätigten (blau) und plausiblen (sehr wahrscheinlichen) Tornados (orange) sowie die Verdachtsfälle (grau) je Jahrzehnt von 1851 bis 2020, erkennt man etwa ab der Jahrtausendwende einen starken Anstieg der Zahlen. Vor allem mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram werden immer mehr Verdachtsfälle gemeldet, darunter Hunderte Trichterwolken. Allein in den zehn Jahren von 2011 bis 2020 liegen fast 2.000 Meldungen zu Verdachtsfällen vor.

Lässt man die Verdachtsfälle weg, wird der extreme Anstieg der bestätigten Tornados und der sehr wahrscheinlichen und damit plausiblen Fälle noch deutlicher. Vor der Jahrtausendwende schwankten die Zahlen deutlich weniger.

Ganz anders sieht es bei den Tornados ab der Stärke F3 aus. Zahlreiche starke bis verheerende Tornados traten Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre auf. Danach wurden nur noch wenige Fälle registriert. Lediglich zwischen 2001 und 2010 sind wieder mehr Tornados ab F3 verzeichnet, davon allein 3 während des Orkans Kyrill am 18.01.2007. Zudem werden mehrere F3-Fälle, die seit der Jahrhundertwende registriert wurden, noch immer diskutiert und es könnte durchaus sein, dass die Zahlen der vergangenen 20 Jahre noch etwas nach unten korrigiert werden. Insgesamt fällt also auf, dass zwar die Zahlen der registrierten Tornados in den vergangenen Jahren stark angestiegen sind, aber nicht die der Tornados ab Stärke F3.

Schaut man sich die Jahre 1885 bis 1936 an, einem Zeitraum von 52 Jahren, ergeben sich insgesamt bisher 47 Tornados der Stärke F3 oder stärker, darunter 7 F4-Tornados mit Windgeschwindigkeiten von 335 km/h und mehr. In den 84 Jahren von 1937 bis 2020 wurden dagegen bis heute nach dem derzeitigen Stand nur 31 Tornados ab F3 registriert, davon lediglich 2 F4-Tornados. Insgesamt sind in der Tornadoliste in den 135 Jahren seit 1885 bisher 78 Tornados ab F3 zu finden, davon 9 F4-Tornados.

Bei all diesen Zahlen muss man noch bedenken, dass die Dunkelziffer in der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts selbst bei den Extremereignissen weiterhin hoch sein dürfte, während sie heutzutage keine große Rolle mehr spielen dürfte. Denn man kann davon ausgehen, dass heute praktisch jeder Tornado der Stärke F3 oder höher erfasst wird.

Die große Lücke vom Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende lässt sich aber auch ganz rational erklären. Während des Krieges schlief die Tornadoforschung in Deutschland komplett ein, nachdem Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dem Bereich noch weltweit führend gewesen war. Auch nach dem Krieg gab es nur vereinzelt Menschen, die sich für das Thema interessiert haben. Es sollte bis 1999 /2000 dauern, dass auf private Initiative hin die Tornadoforschung wieder auflebte. Danach wurden deutlich mehr Tornados erfasst, darunter zahlreiche starke Tornados aus der Zeit bis etwa 1936. Große Lücken blieben vor allem in den 1980er und 1990er Jahren bestehen.

Zu klären wäre noch die Frage nach den Gründen für die vielen starken vor dem Zweiten Weltkrieg. Darüber kann bisher nur spekuliert werden. Möglich sind unter anderem stärkere und damit günstige Höhenwinde oder auch stärkere Labilität mit größeren vertikalen Temperaturgegensätzen.

Titelfoto: F4-Tornado am 01.07.1891 in Lind (NRW), Bildquelle: Heinz Erkens, Lind

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